Rückblick: Abenteuer Bundestag - ein Jahr als FSJler im Büro von Wiebke

Ich bin Jonah, 19 Jahre alt, komme ursprünglich aus Bielefeld und ich habe bis Ende August 2026 mein FSJ im Büro von Wiebke Esdar in Berlin geleistet.

Anfang September letzten Jahres ging es für mich los: Mein FSJ im Büro von Wiebke Esdar begann – und damit auch mein persönliches Abenteuer Bundestag. Ich war gespannt, ein bisschen nervös und hatte ungefähr keine Ahnung, was mich im Arbeitsalltag dort erwarten würde.

Schon am Anfang lernte ich das gesamte Team kennen. Gleichzeitig befand sich das Büro in einer spannenden Umbruchphase, weil Wiebke nach der Wahl stellvertretende Fraktionsvorsitzende geworden war. Für mich bedeutete das: viele neue Eindrücke, neue Aufgaben und ziemlich viele Menschen, deren Namen ich mir merken musste. Zum Glück wurde ich von einem supernetten Team aufgenommen, sodass ich mich schnell wohlgefühlt habe.

Eine der ersten Sachen, die ich kennenlernen durfte, war der parlamentarische Alltag. Und ich muss ehrlich sagen: Der Bundestag ist riesig. Wirklich riesig. So riesig, dass ich mich auch heute theoretisch noch verlaufen könnte – und es manchmal tatsächlich noch tue.

Dafür durfte ich Plenarsitzungen von der Tribüne aus verfolgen. Es ist schon etwas anderes, politische Debatten nicht nur im Fernsehen oder auf Social Media zu sehen, sondern selbst im Saal zu sitzen und live mitzuerleben, wie über verschiedene Themen diskutiert wird.

Natürlich gab es dabei auch Momente, die ich lieber nicht unbedingt gebraucht hätte. Zum Beispiel die immer lauter werdenden Zwischenrufe und das sehr enthusiastische Klatschen der AfD. Ich wusste vorher nicht, dass man auch so klatschen kann, dass es einfach nur unangenehm ist. 

Außerdem lernte ich den Praktikanten von Beatrix von Storch kennen und stand ein paar Mal mit Tino Chrupalla im Aufzug – zwei Begegnungen, auf die ich vielleicht nicht unbedingt gewartet hatte.

Ein großer Teil meiner Arbeit bestand darin, Interviews zu begleiten und daraus Social-Media-Inhalte zu erstellen. Ich durfte Wiebke unter anderem zum Morgenmagazin und zum Mittagsmagazin begleiten. Und damit meine ich nicht: irgendwo vor dem Studio warten. Ich durfte während der Sendungen direkt dabei sein und beobachten, wie Kameras geführt werden, wie die Abläufe funktionieren und wie viel hinter einer scheinbar kurzen Fernsehsequenz steckt.

Auch im ARD-Gebäude konnte ich bei einem Interview dabei sein. Dabei habe ich schnell gemerkt, wie anders politische Kommunikation wirkt, wenn man nicht nur das fertige Video sieht, sondern auch die gesamte Vorbereitung, Technik und Abstimmung dahinter.

Ein besonders eindrücklicher Moment war eine Demonstration in Bielefeld gegen die rassistischen Aussagen von Bundeskanzler Merz zum sogenannten „Stadtbild“. Wiebke nahm daran teil – und war plötzlich überall in den Nachrichten zu sehen. Für mich war es ziemlich spannend, aber auch erschreckend, einen solchen politischen Moment nicht nur aus der Berichterstattung zu kennen, sondern direkt mitzuerleben und anschließend auch inhaltlich zu begleiten.

Durch die vielen Videos habe ich außerdem gelernt, wie viel Arbeit hinter Social Media steckt. Ein fertiger Beitrag ist meistens nur die Spitze des Eisbergs. Vorher müssen Termine geplant, Aufnahmen gemacht, Aussagen ausgewählt, Videos geschnitten, Texte geschrieben und alles abgestimmt werden.

Gleichzeitig wurde mir bewusst, wie stark politische Themen auf Social Media verkürzt werden. In einem kurzen Video kann man eben nicht die gesamte Vorgeschichte, jede Verhandlungsrunde und alle unterschiedlichen Positionen erklären. Vieles, was im Hintergrund passiert, landet später weder in der Zeitung noch in der Tagesschau – und schon gar nicht vollständig auf Instagram.

Besonders spannend fand ich, die politischen Verhandlungen im Hintergrund mitzuerleben. Wiebke war unter anderem an Gesprächen mit der Union zu Themen wie BAföG beteiligt. Ich konnte zwar nicht selbst mitverhandeln, aber ich bekam mit, wie viele Gespräche, Abstimmungen und Kompromisse notwendig sind, bevor aus einer politischen Idee irgendwann ein konkreter Vorschlag wird.

An den wöchentlichen Bürobesprechungen nahm ich ebenfalls teil. Dort konnte ich vieles aus Wiebkes Perspektive erfahren: Wie bewertet sie aktuelle Entwicklungen? Welche Themen sind gerade besonders wichtig? Was muss kurzfristig organisiert werden? Und wie entscheidet man eigentlich, worauf man seine begrenzte Zeit konzentriert?

Zusätzlich bekam ich durch das Praktikantenprogramm der SPD die Möglichkeit, verschiedene Ministerien und politische Einrichtungen kennenzulernen. Ich war unter anderem im Auswärtigen Amt, im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und im Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Dort konnte ich Gespräche führen und einen Eindruck davon bekommen, wie politische Arbeit auch außerhalb des Bundestags funktioniert.

Außerdem hatte ich die Gelegenheit, mich mit anderen Abgeordneten, Journalist*innen und politischen Mitarbeiter*innen auszutauschen. Gespräche mit Olaf Scholz und Boris Pistorius gehörten dabei natürlich zu den besonderen Momenten.

Neben den großen politischen Themen besteht der Büroalltag aber auch aus vielen ganz „normalen“ Aufgaben. Ich habe E-Mails und Post bearbeitet, Bürgerbriefe beantwortet und zahlreiche Telefonate geführt.

Besonders interessant fand ich die Bürgertelefonate. Manche Gespräche waren schnell erledigt, andere dauerten deutlich länger – teilweise über eine Stunde. Dabei ging es um ganz unterschiedliche Anliegen, Fragen und Probleme. Oft habe ich gemerkt, wie wichtig es für Menschen ist, überhaupt jemanden zu erreichen, der zuhört und sich mit ihrem Anliegen beschäftigt.

Auch Besuchergruppen und vor allem Schülerklassen habe ich sehr gerne erlebt. Es ist spannend zu sehen, mit welchen Erwartungen Menschen in den Bundestag kommen und welche Fragen sie stellen.

Im Laufe meines FSJ habe ich außerdem viele andere FSJler*innen kennengelernt – sowohl aus dem Bundestag als auch aus anderen SPD-Büros in ganz Deutschland. Bei einer FSJ-Vernetzung konnte ich mich mit vielen jungen Menschen austauschen, die ähnliche Erfahrungen machen, aber an ganz unterschiedlichen Stellen eingesetzt sind.

Auch die Kommunalwahl in Nordrhein-Westfalen konnte ich zu Beginn meines FSJ miterleben. Wiebke ist zwar nicht selbst angetreten, hatte zu dem Zeitpunkt aber noch Mitverantwortung als Unterbezirksvorsitzende der SPD Bielefeld, daher konnte ich am Rande beobachten, wie politische Abläufe aus der Sicht einer Politikerin funktionieren. Dadurch habe ich einen ganz anderen Blick auf Wahlkampf, Organisation und politische Kommunikation bekommen.

Mit der Zeit verstand ich immer besser, wie parlamentarische Prozesse ablaufen. Ich konnte verfolgen, wie aus einem Entwurf ein konkreter Antrag wird, wie beraten und verhandelt wird und wie es schließlich zur Abstimmung kommt.

Besonders cool finde ich namentliche Abstimmungen, vor allem weil es dann im ganzen Gebäude für 20 Minuten geklingelt hat ;). Dabei stimmen die Abgeordneten nicht einfach anonym ab, sondern ihre Namen und ihr Abstimmungsverhalten werden dokumentiert. Im Alltag bedeutet das auch: Termine im Blick behalten, rechtzeitig losgehen und manchmal ziemlich schnell von A nach B kommen.

Apropos A nach B: Eine meiner größten Erkenntnisse war, wie lange man innerhalb des Bundestags unterwegs sein kann. Vom Paul-Löbe-Haus zum Jakob-Kaiser-Haus zu gelangen, klingt zunächst nicht nach einer großen Herausforderung. In der Praxis gibt es aber Gänge, Übergänge und eine Tiefgarage, die so kompliziert ist, dass man sich fragt, ob man gerade noch im Bundestag oder schon in einem Escape Room gelandet ist.

Schon früh konnte ich außerdem ehrenamtlich bei der Organisation des PL-Sommerfests helfen. Dabei habe ich nicht nur viel über Planung und Vorbereitung gelernt, sondern auch zahlreiche Menschen aus dem politischen Umfeld kennengelernt.

Kurz vor der parlamentarischen Sommerpause gab es dann mehrere Sommerfeste, bei denen ich viele bekannte und neue Gesichter getroffen habe. Dabei hat man auch gemerkt, wie anstrengend die politische Arbeit sein kann. Bundestagsabgeordnete sind eben keine besonders geheimnisvollen Wesen, sondern auch einfach Menschen, die nach langen Tagen müde sind, lachen, feiern und irgendwann vermutlich auch nur noch nach Hause möchten.

Und auch wenn „parlamentarische Sommerpause“ zunächst nach sechs Wochen Urlaub klingt, bedeutet das natürlich nicht, dass Politiker*innen einfach nichts mehr machen. Im Hintergrund laufen weiterhin Gespräche, Termine, Veranstaltungen und Vorbereitungen. Abgeordnete bleiben erreichbar und arbeiten an vielen Themen weiter – nur eben ohne den normalen Sitzungswochenrhythmus.

Mein FSJ hat mir gezeigt, wie vielfältig politische Arbeit ist. Vieles davon sieht man in den Medien überhaupt nicht: die langen Gespräche, die Abstimmungen im Hintergrund, die Organisation, die Bürgeranfragen und die vielen kleinen Aufgaben, ohne die der große politische Betrieb nicht funktionieren würde.

Ich habe gelernt, wie parlamentarische Prozesse ablaufen, wie politische Kommunikation entsteht und wie viel Arbeit hinter einem kurzen Social-Media-Video steckt. Gleichzeitig habe ich einen Einblick in den Bundestag aus einer Perspektive bekommen, die man sonst eher selten sieht: nicht nur aus Sicht der Medien, sondern aus dem Alltag eines Abgeordnetenbüros.

Und ich habe festgestellt, dass man sich an erstaunlich viele Dinge gewöhnt. An Abkürzungen, an namentliche Abstimmungen, an spontane Telefonate – und sogar ein bisschen an die langen Wege durch den Bundestag und einfach nur an den Bundestag selbst. Nur bei der Tiefgarage bin ich mir noch nicht sicher, ob ich sie jemals wirklich verstanden habe.

Und jetzt endet meine Zeit und ich bin erstaunt, wenn ich so auf das letzte Jahr zurückblicke, was ich alles erlebt habe. Denn, dass man die kleinen Dinge im Leben mehr schätzen soll, gilt auch im Bundestag. Und auch wenn ich nach diesem Jahr jetzt erst so richtig das Gefühl habe, angekommen zu sein, heißt es ja:

Man soll aufhören, wenn die Zeit am schönsten ist!