Zwischen Plenum, Postfach und Politik: Mein erster Monat im Bundestag

Aufgeregt stand ich an meinem ersten Tag vor dem Bundestag. So richtig real fühlte sich das alles noch nicht an. Seit meinem Austausch nach Frankreich vor drei Jahren hat mich kaum ein Thema so sehr fasziniert wie Politik. Ich war bei den Bremer Jusos aktiv, habe das Europäische Parlament in Straßburg besucht und sogar schon einmal Olaf Scholz getroffen. Dass ich nun aber tatsächlich ein Jahr lang im Bundestag arbeiten würde, konnte ich erst richtig glauben, als ich auf meinem blauen Hausausweis meinen eigenen Namen las: „David Schilling“. Über das Foto darauf sprechen wir lieber nicht.

Kurz darauf lernte ich Wiebke, ihr gesamtes Team und – eher zufällig – auch einen General kennen. Nachdem Wiebke und der General wieder abgerauscht waren, setzte ich mich mit Büroleiter Pat an einen großen Besprechungstisch. Ab diesem Moment folgte vor allem eines: sehr, sehr viel Input. Dabei machte mir das gesamte Team die Einarbeitung aber so angenehm wie möglich. Fragen waren jederzeit willkommen, und zusätzlich bekam ich ein umfangreiches Handbuch an die Hand, in dem die wichtigsten Abläufe, Aufgaben und Informationen übersichtlich aufbereitet waren. Gerade in den ersten Tagen war das eine große Hilfe – und bis heute dient es mir immer wieder als praktisches Nachschlagewerk.

Pat führte mich in die unterschiedlichsten Aufgaben des Büros ein, während ich gleichzeitig versuchte herauszufinden, wie man sich in diesem riesigen Gebäudekomplex mit rund 8.000 Menschen nicht verläuft. Spoiler: Es hat nicht funktioniert. Dafür entdeckte ich auf meinen kleinen Odysseen durch die Häuser des Bundestags eine wunderschöne Bibliothek, ein DB-Reisezentrum und sogar einen angeketteten Automaten.

Schon nach kurzer Zeit durfte ich eigene Aufgaben übernehmen – worüber ich ziemlich froh war. Statt nur zuzuhören und mir die Abläufe erklären zu lassen, konnte ich schnell selbst mitarbeiten und erste Verantwortung übernehmen. So beantwortete ich E-Mails, führte erste Telefonate, koordinierte Termine und kümmerte mich um verschiedene organisatorische Fragen.

Besonders interessant waren für mich die ersten Teambesprechungen. Dort bekam ich einen Eindruck davon, wie politische Entwicklungen innerhalb eines Abgeordnetenbüros diskutiert und eingeordnet werden – etwa die Ergebnisse der Landtagswahlen im Osten oder die aktuelle Lage innerhalb der Koalition. Plötzlich waren Themen, die ich vorher vor allem aus Nachrichten und politischen Debatten kannte, unmittelbarer Teil des Arbeitsalltags.

Auch Social Media entwickelte sich schnell zu einer meiner Lieblingsaufgaben. Gemeinsam mit meiner Kollegin Charlie aus dem Wahlkreis schnitt ich meine erste Rede und erstellte Beiträge zu Themen wie dem Sondervermögen oder der Organspende. Hier könnt ihr euch meine Arbeit gerne genauer anschauen.

Außerdem durfte ich unter anderem ein Fernsehinterview im ARD-Hauptstadtstudio direkt an der Spree begleiten. Besonders beeindruckt hat mich, wie viel Vorbereitung hinter einem Interview steckt, das am Ende gerade einmal fünf Minuten dauert. Von der Anfrage über die inhaltliche Vorbereitung und die Maske bis hin zu Kamera und Schnitt muss jeder Schritt sitzen. Für wenige Minuten Sendezeit wird im Hintergrund erstaunlich viel gearbeitet.

Ein besonderes Highlight war meine erste Sitzungswoche. Plenardebatten live mitzuerleben, ist etwas völlig anderes, als sie nur aus dem Fernsehen zu kennen. Wenn beispielsweise der CDU-Politiker Norbert Röttgen im Plenum die Russland-Politik der AfD kritisiert, wirkt das vor Ort noch einmal anders als später in der Phoenix-Übertragung.

Gleichzeitig wurde mir schnell klar, dass der parlamentarische Alltag aus sehr viel mehr besteht als aus Plenarsitzungen. Ein wesentlicher Teil parlamentarischer Arbeit ist Kommunikation: reden, zuhören, verhandeln und sich austauschen. Ohne diese Gespräche würde die Arbeit im Parlament kaum funktionieren.

Deshalb besteht auch ein wichtiger Teil meiner Arbeit darin, Gespräche und Termine für Wiebke so zu organisieren, dass sie mit möglichst vielen Menschen sprechen und an relevanten Gesprächsrunden teilnehmen kann – ohne dass der Kalender endgültig aus allen Nähten platzt.

Besonders schön waren auch die Begegnungen mit den anderen FSJlerinnen und FSJlern. Bei unserem ersten Tagesseminar gab es zwar erneut jede Menge Input, gleichzeitig lernte ich aber viele Menschen aus ganz unterschiedlichen Einsatzstellen kennen. Schon nach kurzer Zeit entstanden die ersten Freundschaften.

Deshalb freue ich mich besonders auf die insgesamt fünf Seminarwochen, die über das Jahr verteilt stattfinden werden. Vor allem bin ich gespannt darauf, gemeinsam mit anderen politisch interessierten jungen Menschen intensiv an Themen zu arbeiten und eine der Seminarwochen sogar selbst inhaltlich mit vorzubereiten.

Wenn ich auf meinen ersten Monat zurückblicke, fällt mir vor allem auf, wie schnell die Zeit vorrüberging und wie selbstverständlich sich vieles inzwischen anfühlt. Am Anfang musste ich bei fast jeder Aufgabe nachfragen, mittlerweile kann ich vieles selbstständig übernehmen. Und ich kenne mich im Bundestag inzwischen sogar gut genug aus, um Freunden den Weg zu zeigen – meistens jedenfalls.

Mein wichtigstes Learning für zukünftige FSJlerinnen und FSJler: Man muss keine Angst davor haben, am Anfang nicht alles zu verstehen. Der Bundestag ist riesig, und seine Abläufe wirken zunächst ziemlich komplex. Gleichzeitig bekommt man – je nach Einsatzstelle und eigenen Interessen – schnell die Möglichkeit, selbst Aufgaben zu übernehmen und Verantwortung zu tragen.

Nach einem Monat habe ich längst noch nicht alles verstanden. Aber mittlerweile habe ich das Gefühl, angekommen zu sein. Und langweilig wird dieses Jahr bestimmt nicht.